San Gimignano – wo sich die Gegenwart in der Vergangenheit spiegelt

San Gimignano
San Gimignano, Bild: leoks / shutterstock

San Gimignano – allein das Wort zerfließt auf der Zunge, und wer über das grobe Kopfsteinpflaster dieser toskanischen Perle bummelt, der spürt sehr bald, dass sich hier die Gegenwart in der Vergangenheit spiegelt. Im Schatten der imposanten Geschlechtertürme ist das Mittelalter präsent, und kaum ein Besucher kann sich der Erhabenheit dieser Kulisse entziehen. Zweifellos ist San Gimignano so etwas wie das Aushängeschild der Provinz Siena. Mit einer einzigartigen Skyline und einem geschichtlich bedeutenden Stadtkern. Das historische Gewand der an Sehenswürdigkeiten reichen Stadt ist umgeben von einer trutzigen Mauer, die die Stürme der Jahrhunderte weitgehend unbeschadet überstand.

Ein autofreier Bummel durch die Geschichte

Das „Manhattan des Mittelalters“ sollte man auf Schusters Rappen entdecken, denn die Altstadt San Gimignanos, die zum Weltkulturerbe der UNESCO geadelt wurde, ist autofrei. Unweit der Piazza Martiri de Montemaggio finden die Besucher größere Parkplätze. Durch die Porta San Giovanni, einem der Haupttore aus dem 13. Jahrhundert, beginnt dann der Spaziergang durch eine Stadt, die ihren mittelalterlichen Charme gepflegt und bewahrt hat. Im Süden von Florenz war dies ehemals ein geschäftiger Marktplatz, wo die Bauern der Umgebung ihre Produkte präsentierten. Überragt wurden die Häuser im 12. und 13. Jahrhundert von den sogenannten „Geschlechtertürmen“. Sie galten als steinerne Zeugen vom Wohl der einflussreichen Familien dieser Stadt. Aber sie legten auch Zeugnis ab vom Zwist des Adels, der sich in der Höhe seiner Wohn- und Verteidigungstürme gegenseitig überbot.

Station für Pilger auf dem Weg nach Rom

Altstadt San Gimignano
Unterwegs in der Altstadt, Bild: Catarina Belova / shutterstock

Der imposanteste der bis heute enthaltenen Türme, der die Macht der hier residierenden Geschlechter symbolisierte, reckt sich bis in eine Höhe von 54 Metern. Ursprünglich sollen es im 13. und 14. Jahrhundert über siebzig solcher schlanken Bauwerke gewesen sein, die das Bild des mittelalterlichen San Gimignano prägten. Staunend standen dort die Pilger vor diesen Bauwerken. Sie wählten einen ganz besonderen Ort über den Tälern des Val d’Elsa als Station auf ihrem beschwerlichen Weg vom Norden Europas nach Rom. Die historische Via Francignena, die „Frankenstraße“, war der Mittelpunkt dies Ortes und gespickt mit einfachen Herbergen, Gaststätten und Krankenhäusern. Die Blütezeit San Gimignanos währte allerdings kaum länger als eineinhalb Jahrhunderte. Der Pest folgte für die Gemeinde die Unterwerfung des mächtigen Nachbarn Florenz und schließlich die Bedeutungslosigkeit.

Das Gepräge des Mittelalters blieb erhalten

Davon hat sich San Gimignano nicht zuletzt dank des internationalen Tourismus längst erholt. In der Altstadt leben heute lediglich noch 1.500 Menschen. Sie sind sympathische – aber auch geschäftstüchtige – Gastgeber von rund drei Millionen Gästen jährlich. Einen kräftigen Popularitäts-Schub erhielt der eindrucksvolle Ort durch das Prädikat der UNESCO im Jahr 1990, und die Auszeichnung zum Weltkulturerbe ermunterte die Behörden, etliches zu restaurieren, was zu verfallen drohte. Allerdings waren die Planer bemüht, das mittelalterliche Gepräge von San Gimignano zu erhalten und keinerlei Kompromisse einzugehen. Und so präsentieren sich der Palazzo del Podestá und der Palazzo del Popopolo mit ihrem unvergänglichen Charme alter Zeiten. Das gilt auch für die Piazza della Cisterna, die ihren Namen einem hier kaum zu übersehenen historischen Brunnen verdankt.

Dante kam als Botschafter der Metropole Florenz

San Gimignano
Bild: canadastock / shutterstock

Zu allen Zeiten war San Gimignano das Ziel der florentinischen Künstler-Garde, die sich hier auf Fresken oder Tafeln verewigte. Auch der Philosoph Dante Alighieri, Schöpfer der „Göttlichen Komödie“, hielt sich hier im Jahr 1300 als Botschafter der Metropole Florenz auf. Er residierte in der „Sala del Consiglio“, dem Empfangssaal des sehenswerten Palazzo Comunale, im Herzen der mittelalterlichen Stadt und unweit der Stiftskirche Maria Himmelfahrt. Die dort zu sehenden Fresken sind Meisterwerke der Florentiner und Sienesischen Kunstschule. In der Blütezeit San Gimignanos war es der Handel mit Safran, der die Menschen dieser Stadt wohlhabend werden ließ. Die Türme der Stadt dienten den reichen Patriziern als Wohnung und als Anlage zur Verteidigung. Fast alle hatten eine Grundfläche in Form eines Quadrats und entsprachen auch zu damaligen Zeiten nicht dem normalen Wohnkomfort. Allerdings hatten es Eindringlinge schwer, sich eines solchen Turms zu bemächtigen, denn bei einer Bedrohung retteten sich die Besitzer über Strickleitern in die nächste Etage. Der Bauwut des Adels wurde eines Tages Einhalt geboten, weil sich Mängel an der Statik bei einigen Türmen bemerkbar machten. Fortan durfte kein Turm höher gebaut werden als der des Rathauses Torre Grossa.

Ein Glas Vernaccia zum Sonnenuntergang

14 dieser Geschlechtertürme sind bis heute die weithin sichtbaren Aushängeschilder von San Gimignano. Als ältester gilt der Torre Rognosa, was mit „Räudiger Turm“ zu übersetzen ist. Dieser Name erinnert offenbar daran, dass das Gebäude einige Zeit als Kerker diente. Nach dem Dekret der Behörden, wonach die Türme nicht mehr in den Himmel wachsen durften, entschlossen sich die Familien Salvucci und Ardinghelli, gleich zwei Türme zu errichten, um ihren Machtanspruch zu manifestieren. Wer bei einem Besuch der mittelalterlichen Stadt tiefer eindringen möchte in die Kunstgeschichte, der sollte sich zu den Museen San Gimignanos begeben. Im Museo Civico werden Kunstwerke aus der Epoche zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert ausgestellt. Stolz ist die Gemeinde aber auch wegen seiner zahlreichen erstklassigen Restaurants, wo sich die Kulinarik der Toskana auf den Speisekarten wiederfindet. So mancher Urlauber beschränkt sich allerdings auf eine Auszeit im Schatten eines Torbogens oder genießt auf der alten Stadtmauer zum Sonnenuntergang ein Glas des berühmten Vernaccia, der hier schon im Mittelalter geerntet wurde.