Casablanca – kein Märchen aus 1001 Nacht

Hassan II Moschee, Casablanca
Hassan II Moschee, Bild: saiko3p / shutterstock

Wem kommt bei der größten Stadt Marokkos nicht zuerst der Filmklassiker Casablanca in den Sinn? Dieser hat mit dem traditionellen Bild des Landes ebenso wenig zu schaffen, wie die Metropole selbst. Das Klischee vom Orient wird hier nicht bedient. Gerade deshalb ist Casablanca einen Besuch wert.

Um es gleich vorwegzunehmen: Nicht in Casablanca hat Humphrey Bogart seiner „Kleinen“ tief in die Augen geschaut. Das war in Hollywood. Und Rick’s Café ist der Fantasie des Drehbuchautors entsprungen. Enttäuscht? Dafür gibt es keinen Grund. In der Hafenstadt am Atlantik erwartet den Reisenden das Marokko der Gegenwart. Ein Besuch rundet das Bild ab, das man von diesem faszinierenden Land mit nach Hause nehmen sollte.

Das moderne Marokko

Arab League Park, Casablanca
Der Arab League Park, Bild: Mitzo / shutterstock

Mit seinen 3,6 Millionen Einwohnern ist Casablanca die größte Stadt des Landes Marokko und zugleich das wirtschaftliche Zentrum. Gerade weil diese Metropole so überhaupt nicht dem Bild des Orients entspricht, vermag es seine Besucher zu überraschen und für sich zu gewinnen.

Der französische Kolonialismus hat in Architektur und Stadtplanung seine Spuren hinterlassen. Gebäude im Stil des Art déco und breite Boulevards aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts prägen das Stadtbild. Vereinzelt zwängen sich zeitgemäße Paläste und Hochhäuser aus Glas und Edelstahl in die Baulücken.

Selbst die Gotteshäuser sind hier modern, allen voran die Hassan-II-Moschee. Diese wurde am Rande des Stadtzentrums direkt in den Ozean hineingebaut. Das Bauwerk wurde im Jahre 1993 vollendet und bietet Platz für 25000 Gläubige, die sich im Winter an einer Fußbodenheizung und im Sommer an einem gigantischen Schiebedach erfreuen. Vom 210 Meter hohen Minarett weist ein Laserstrahl am Nachthimmel den Weg nach Mekka.

Eine Metropole mit Geschichte

Casablanca: Das klingt zwar exotisch aber gänzlich unmarokkanisch. Wie kommt eine Stadt des Orients zu einem spanischen Namen?

Dieser ist ein Erbe der kolonialen Vergangenheit. Die Hafenstadt am Atlantik entwickelte sich vom Piratennest zu einem florierenden Handelshafen, der die Begehrlichkeiten von Portugiesen, Spaniern, Berbern und Mauren weckte. Aber erst die französische Kolonialmacht hinterließ deutliche Spuren im Stadtbild. Im Jahre 1956 wurde Marokko in die Unabhängigkeit entlassen. Seitdem scheint die Zeit still zu stehen.

Für europäische Betrachter ungewohnt ist vor dieser modernen Kulisse das lebhafte Treiben in den Straßen. Überladene Zweiräder und Eselskarren sind hier übliche Verkehrsmittel. Die Männerquote unter den zahlreichen Passanten ist auffällig hoch.
Dennoch: Casablanca ist eine weltoffene Stadt, in der ein westlicher Lebensstil toleriert wird. Neben Moscheen prägen auch Kirchen und Synagogen das Stadtbild.

Sehenswürdigkeiten in Casablanca

Blick auf Casablanca
Blick auf Casablanca, Bild: Philip Lange / shutterstock

Mittelpunkt Casablancas bildet der imposante Mohammed-V.-Platz, um den sich wichtige Verwaltungsgebäude versammeln. Einen futuristischen Akzent setzt das „Grand Théâtre“. Gleich nebenan lädt der weitläufige Park der Arabischen Liga zu einem Spaziergang ein. Hier erhält die kosmopolitische Metropole endlich eine orientalische Note.

Im Viertel La Corniche reihen sich Clubs, Hotels und Restaurants entlang des palmengesäumten „Boulevard de l’Océan Atlantique“. Die Sandstrände mit ihren Beachclubs erinnern an die mondänen Seebäder der französischen Riviera.
Dieses Stadtviertel Casablancas versprüht seinen ganz eigenen Charme. Wer hier auf dem Boulevard flaniert, gewinnt den Eindruck, dass die Entwicklung in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stehengeblieben ist.

Die ganze Stadt im Allgemeinen aber La Corniche im Besonderen haben reichlich Patina angesetzt. Hier fühlt man sich in die Zeit alter französischer Schwarz-Weiß-Filme zurückversetzt. Es wäre keine Überraschung, wenn plötzlich der junge Jean-Paul Belmondo lässig mit einer Gauloise zwischen den Lippen um die Ecke käme.

La Corniche liegt fast in Hörweite des Muezzins, der die gläubigen Moslems vom Minarett der modernen Hassan-II.-Moschee zum Gebet ruft. Zwar wurden die Vorzüge dieses monumentalen Bauwerkes bereits gepriesen, dennoch ist an dieser Stelle zu ergänzen, dass eine Besichtigung durch „Ungläubige“ möglich ist. Das macht diese Moschee der Superlative zu der Top-Sehenswürdigkeit in Casablanca.

Hollywood statt orientalischem Flair

Wenn überhaupt wird man das ursprüngliche Marokko in der Altstadt finden. Typisch für marokkanische Städte nennt sich dieses Viertel Medina. Hier verliert man sich schnell in den zahllosen Gassen und Nebenstraßen.

Doch selbst hier stößt man auf die Spuren der jüngeren Vergangenheit:
Als Hommage an den berühmten Filmklassiker mit Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart eröffnete 62 Jahre nach der Filmpremiere endlich Rick’s Café am „Boulevard Sour Jdid“ direkt an der Stadtmauer der Medina. In einer Stadtvilla im typischen Kolonialstil erwartet den Gast eine amerikanisch-marokkanische Erlebnisgastronomie. Die Kulisse und ein Pianist sorgen für das Ambiente der vierziger Jahre, während man ein gepflegtes Abendessen mit Couscous, Apple-Pie, Minztee und Gin Tonic genießt.

Auf der Suche nach dem orientalischen Flair kommt der Reisende also nicht umhin, seinen Horizont über das Stadtgebiet hinaus zu erweitern.

Casablanca und Rabat im Doppelpack

Es empfiehlt sich, einen Besuch Casablancas mit einer Stippvisite in der Hauptstadt Rabat zu verbinden. Die rund 90 Kilometer sind mit dem Zug oder über die Autobahn schnell überbrückt. In der Hauptresidenz des marokkanischen Monarchen erfüllt sich der Traum von 1001 Nacht. Der Palast selbst kann nicht besichtigt werden, befindet sich jedoch in einer sehenswerten Festungsanlage, die der Öffentlichkeit zugänglich ist. Das Areal wird von Wachsoldaten in farbenprächtigen Uniformen behütet. Dieser Ort ist ein Muss für alle Royalisten. Wem das Ambiente zu kitschig und operettenhaft erscheint, erfüllt sich seinen orientalischen Traum ganz authentisch in der Kasbah, einer alten Festung am Atlantik.

Casablanca – hier gewinnt man Eindrücke und verliert Vorurteile!

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