Mittwoch, Mai 27, 2020
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Oberammergau – Passionsspiele und Herrgottschnitzer

Weißblau ist der Himmel, schneebedeckt präsentieren sich die Gipfel, bunt bemalt sind die Hausfassaden in den schmucken Dörfern. Keine Frage: Es gibt viele Gründe für einen Urlaub in Bayern, denn in diesem südlichsten aller Bundesländer gibt es neben leiblichen auch etliche seelische Genüsse. In den zahlreichen Klöstern und Abteien als Rückzugsorte der Besinnung oder in Oberammergau, wo einst die Kelten ein Flusstal besiedelten, wo sich Römer heimisch fühlten und der legendäre Kaiser Ludwig die Einwohner mit einigen Privilegien ausstattete. Seit dem 19. Jahrhundert ist Oberammergau, die Werkstatt der Lüftlmaler, nicht mehr ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte. Hier sind die berühmten Herrgottschnitzer zu Hause und hier bemühen sich Laien und Profis alle zehn Jahre, das Leiden des Christus in einem Passionsspiel nachzuzeichnen.

Ein Gelöbnis nach dem „Schwarzen Tod“

Kofel, Oberammergau
Der Kofel ist der Hausberg von Oberammergau, Bild: © Ammergauer Alpen GmbH

Das Jahr 1633 hielt mit tiefschwarzen Lettern Einzug in die Geschichtsbücher von Oberammergau, denn die Pest ließ die Einwohnerzahl schrumpfen. Der „Schwarze Tod“ zerstörte auch am Fuße der Ammergauer Alpen alles. Die sozialen Bindungen der Menschen und letztlich auch alle moralischen Werte. Für so manchen war das Leben kurz, und nicht wenige glaubten, dass die Pest nichts anderes sei, als der Zorn des Herrgotts, der auf die Erde gekommen sei. Auch in Oberammergau begannen die Gläubigen, sich selbst zu geißeln, die Heiligen zu verehren und zu Wallfahrten aufzubrechen. Achtzig Einwohner des bayrischen Ortes kamen 1633 historischen Dokumenten zufolge durch die Pest ums Leben, und wen die Seuche verschonte, gelobte feierlich, fortan ein Passionsspiel aufzuführen.

Die Pest kam am Tag des Kirchweihfestes

Es waren nicht wenige Menschen in Oberammergau, die ein Zeichen des Herrn darin erblickten, dass ausgerechnet zum Kirchweihfest des Jahres 1632 die Pest in ihrem beschaulichen Ort Einzug hielt. In der Nachbarschaft des Klosters Ettal, das einst von Kaiser Ludwig dem Bayern ebenfalls nach einem Gelöbnis gegründet wurde, entwickelten die Einwohner von Oberammergau schon in den ersten Jahren ihres Passionsspiels eine hektische Betriebsamkeit. Sie verstanden die Nachstellung der Leidensgeschichte des Christus als Akt ihrer ganz persönlichen religiösen Erbauung. Für die Ursprungstexte des Passionsspiels sorgten vermutlich der Augsburger Meistersinger Sebastian Wild und ein unbekannter Mönch des Klosters Ettal.

Ein Schauspielhaus für 5.200 Besucher

Alle zehn Jahre verwandelt sich nunmehr das bayrische Dorf zu einem Bienenhaus, denn zu Zeiten des Passionsspiels kommen Gäste aus aller Welt. Und auch die Einwohner Oberammergaus verwandeln sich in dieser Zeit. Aus Holzschnitzern werden dann römische Legionäre, aus Bauern Laienschauspieler. Für jeden dritten Einwohner dieses Ortes ist es eine Selbstverständlichkeit, an der Passion mitzuwirken. Die meisten begnügen sich allerdings mit der Rolle eines Statisten, und wer erwählt ist, in die Hauptrolle des Jesus von Nazareth zu schlüpfen, haucht während der Saison um die hundertmal: „Es ist vollbracht…“ Das Schauspielhaus, das in seiner heutigen Form im Jahr 1930 entstand, fasst etwa 5.200 Besucher. Im Laufe der Zeit wurden die Technik der Freilichtbühne modernisiert, die Fassade verschönert und der Brandschutz verbessert.

Zu den Holzschnitzern im „Pilatushaus“

Pilatushaus Oberammergau
Das Pilatushaus in Oberammergau, Bild: © Ammergauer Alpen GmbH, Stephan de Paly

Die Visite des Schauspielhauses und damit der traditionellen Stätte der Passion gehört bei Ausflügen in Oberammergau zu allen Zeiten zum Pflichtprogramm der Besucher. Aber auch den Holzschnitzern kann man im sogenannten „Pilatushaus“ zwischen Mitte Mai und Mitte Oktober über die Schultern schauen. Die Sehenswürdigkeiten von Oberammergau können die Gäste im übrigen zu Fuß erwandern, denn der Ort ist überschaubar. Ein Schmuckstück ist zweifellos die Pfarrkirche St. Peter und Paul. Sie ist ein bedeutendes Beispiel für den Barock süddeutscher Prägung und entstand bis Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Innern des Gotteshauses fallen die reichen Stuckarbeiten sowie die Fresken an den Decken und Wänden ins Auge. Der Hochaltar zeigt die Mutter Gottes als himmlische Helferin. Die Orgel der Kirche wurde im Jahr 1893 installiert.

Die längste Ganz-Jahres-Rodelbahn der Welt in Oberammergau

Ammer
Die Ammer, Bild: Alexander Schmitz / shutterstock

Bei einem Bummel durch Oberammergau fällt auf, dass die Fassaden fast aller Häuser über Schmuckelemente und Darstellungen verfügen. Grundlagen dieser Technik lieferte ein Einheimischer – der Oberammergauer Maler Franz Seraph Zwink im 18. Jahrhundert. Der Künstler prägte mit seinem Stil das Bild des Schauspielortes. Am Kolbensattel entstand im Jahr 2013 eine Ganz-Jahres-Rodelbahn. Wer sich auf einen schienengesteuerten Schlitten setzt, rast mit einer Geschwindigkeit von maximal vierzig Kilometer pro Stunde ins Tal. Dies ist mit einer Distanz von 2,5 Kilometern und einem Höhenunterschied von vierhundert Metern die längste wetterfeste Rodelbahn der Welt.

An der schönen Dorfstraße hat sich das Oberammergauer Museum etabliert. Zu den Schmuckstücken des Museums zählen die historische Kirchenkrippe sowie etliche Exponate der heimischen Schnitzkunst. Im Dachgeschoss finden von Zeit zu Zeit Sonderausstellungen statt. Im Rahmen einer Führung durch das sogenannte „Eisenhower-Museum“ erfährt der Besucher Interessantes aus dem Leben des 34. Präsidenten der Vereinigten Staaten.


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