Charleroi – ästhetische Kontraste

Zentrum von Charleroi
Blick auf das Zentrum von Charleroi, Bild: Sergey Dzyuba / shutterstock

Charleroi, von seinen Einwohnern auch liebevoll Carolo getauft, ist mit über 202.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Belgiens. Es liegt südlich von Brüssel in Wallonien, am Fluss Sambre. Im Jahr 863 erstmals schriftlich erwähnt, vereint Charleroi Geschichte, Architektur und Kunsthandwerk zu einem inspirierenden Sightseeing Programm.

Wiege der Arbeiterbewegung im Industriezeitalter

Um die Identität der Stadt zu begreifen ist ein kurzer Exkurs durch die Historie hilfreich. Ab dem 17. Jahrhundert befand sich Charleroi unter Spanisch-Niederländischer Herrschaft; später auch unter Französischer.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Agglomeration zum Zentrum der wallonischen Kohle- und Stahlindustrie; auch die Produktion von Flachglas wurde zentral bedeutend. Diese Industrien fielen dem späteren Strukturwandel zum Opfer.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wirtschaft diversifiziert. Heute tragen die architektonischen Relikte zu einem Stadtbild bei, das nicht zuletzt durch seinen Industriechic und seine Aufbruchsstimmung besticht.

Museum der Kohle- und Stahlindustrie

Bois du Cazier, Charleroi
Das alte Bergwerk Bois du Cazier, Bild: CRM / shutterstock

Der langen Bergbautradition ist im Bois du Cazier ein Museum gewidmet. In einem historischen Kohlebergwerk, das zum UNESCO Welterbe erklärt wurde, befindet sich ein Museum über die Geschichte der Kohle- und Stahlindustrie.

Anhand von Fotos, Filmen und Gebrauchsgegenständen der damaligen Zeit erhält der Besucher einen anschaulichen Einblick in die Vergangenheit. Im Fokus stehen das Leben der Bergarbeiter, die Arbeit in der Mine, die Migrationsbewegung italienischer Gastarbeiter und das größte Bergbauunglück der belgischen Geschichte, bei dem in den 50er Jahren 262 Arbeiter ihr Leben verloren. Auf Wunsch sind Audioguides in den Sprachen Französisch, Niederländisch, Deutsch und Englisch erhältlich.

Die Kunst der Glaserei

In unmittelbarer Nähe des Bergbaumuseums und im Eintrittspreis mit inbegriffen ist das Glasmuseum. Es befasst sich mit der Entwicklung von Glaskunst und -handwerk von der Antike bis in die heutige Zeit.

Kunstvolle Arbeiten in leuchtenden Farben, funkelnde und nahezu perfekt anmutende Glasoberflächen und das Spiel mit Formen surrealistischer Skulpturen lassen das handwerkliche Können vergangener Zeiten erahnen. Die Vielfalt der Verwendungsmöglichkeiten machte das wallonische Glas im 19. Jahrhundert zu einem begehrten Gut, vor allem die Niederlande und deren Kolonien importierten es.

Fotografie und Architektur

Im geschichtsträchtigen Ambiente eines ehemaligen Klosters befinden sich in lichtdurchfluteten Galerien mehrere temporäre und dauerhafte Ausstellungen zum Thema Fotografie. Verschiedene Künstler stellen ihre Arbeiten rund um die Geschichte und Technik der Fotografie oder ihre Bedeutung als Waffe im Kontext des sozialen Klassenkampfs aus.

Das Museum gilt unter Kennern als eines der bedeutendsten in ganz Europa. Eines der Highlights ist die Sammlung antiker Fotoapparate, darunter einige Raritäten. Ein Café mit ausgesuchten kleinen Speisen zu mehr als vernünftigen Preisen lädt im Anschluss an die Besichtigung zum Verweilen ein.

Belfried Charleroi
Blick auf das Rathaus und Belfried, Bild: Pecold / shutterstock

Der im Stadtzentrum gelegene Belfried ist ein öffentliches Gebäude im Stil des Art-Deco. Es wird als Location für offizielle Anlässe genutzt und wurde aufgrund seiner architektonischen Besonderheiten zum UNESCO Welterbe erklärt.

Jeweils mittwochs und samstags findet um 14h 30 eine kostenlose geführte Besichtigung des Belfrieds statt. Treffpunkt ist die Touristeninformation von Charleroi. Der knapp 70 Meter hohe Turm des Bauwerks ist anstrengend zu erklimmen, belohnt einen jedoch im Anschluss mit einem atemberaubenden Ausblick über Carolo, die Sambre und das Umland.

Veranstaltungen im Renaissance-Ambiente

Das Schloss von Monceau-sur-Sambre wurde im 14. Jahrhundert auf Ruinen aus dem 11. Jahrhundert erbaut. Der rote Backstein, der weitläufige Park und die Turmzinnen verleihen ihm die renaissance-typische Erhabenheit.

Im Jahr 1665 verweilte der Sonnenkönig, Ludwig der XIV auf dem Adelssitz und organisierte von hier aus die Verteidigung Charlerois im Zuge seiner Kampagne gegen die spanische Königin. In den folgenden Jahrhunderten wechselte das Schloss von Monceau-sur-Sambre mehrmals die Besitzer.

Seit 1977 befindet sich das Château in der Hand der Stadt Charleroi, die umfangreiche Instandsetzungen und Restaurationen durchführte. Heute ist es ein vielseitig genutzter Veranstaltungsort für Musikfeste, den Tag des Heimaterbes, Handwerksmärkte, Flohmärkte und andere kulturelle Angebote.

Stilmix in der City

Das Stadtbild wird abgerundet von zahlreichen Kirchen und Basiliken, dem Bindeglied zwischen Industrieflair und geschichtsträchtiger Atmosphäre Charlerois. Ein besonders ausgefallenes Exemplar ist die Basilika St. Christophe im Stadtzentrum. Sie zeichnet sich durch ihre ungewöhnliche Bauweise aus.

Der spektakuläre Chor wird von einem goldenen Mosaik aus den 50er Jahren verziert, das vom belgischen Maler Jean Ransy entworfen wurde. Zahlreiche liebevolle Details zieren versteckte Nischen. Im Mittelpunkt steht eindrucksvoll der barocke Altar, den man hinter der eher unscheinbaren äußeren Fassade der Basilika nicht erwarten würde.

Ein Tag voll kultureller Eindrücke lässt sich hervorragend an der Uferpromenade der Sambre ausklingen. Sie lädt zum Bummeln und Verweilen ein. In der Nähe befindet sich auch ein Streetart-Parcours: etliche belgische und internationale Künstler haben sich, von der Industrielandschaft inspiriert, in Form von Graffiti verewigt.

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