Kalkutta – eine ungeschminkte indische Metropole

Victoria Memorial, Kalkutta
Das Victoria Memorial in Kalkutta, Bild: ABIR ROY BARMAN / shutterstock

Westlich des riesigen Ganges-Brahmaputra-Deltas, an der Grenze zu Bangladesch, liegt der Ballungsraum Kalkutta in Indien. Im eigentlichen Stadtkern, wo vor 300 Jahren gerade mal 12.000 Menschen lebten, drängen sich heute 4,5 Millionen Einwohner auf engstem Raum. Belebte Straßen mit bunten Blumenmärkten, koloniale Bauten des früheren britischen Empire, Slums ohne Wasseranschluss und gegenüberliegende Hauptsitze indischer Konzerne, diese Eindrücke wirken als Erstes auf den Stadtbesucher.

Kalkutta ist nicht besonders auf Touristen fixiert. Für die Verwaltung stehen soziale und strukturelle Herausforderungen im Vordergrund, die durch das aktuell starke Wirtschaftswachstum entstehen. Das Fehlen von hochgestylten Touristenattraktionen macht die Stadt besonders authentisch und bietet dem Reisenden einen echten, ungeschminkten Einblick in die indische Kultur und Lebensweise.

Erfrischende Luft kommt mit dem Monsun

Der in Europa so beliebte Frühling ist die schlechteste Saison für eine Reise nach Westbengalen. In der westbengalischen Hauptstadt Kalkutta herrscht während dieser Zeit eine erdrückende Hitze mit Temperaturen von bis zu 36 Grad im Schatten. Außerdem liegt eine Dunstschicht aus Industrieabgasen und Benzinduft über der Stadt. Mit dem Ende des Frühlings setzt im Juni der erlösende Monsunregen ein. Zwei-, dreimal täglich schüttet es wie aus Kübeln. Auf den Straßen bildet sich Morast. Im Zentrum, wo Fahrrad-Rikschas nicht erlaubt sind, ziehen die Rikscha-Fahrer ihr Gefährt von Hand durch den Schlamm und verlangen dafür ein höheres Fahrgeld.

Kalkutta, Indien
Lebendiges Treiben in der Innenstadt, Bild: Radiokafka / shutterstock

Die Vorteile des Monsuns überwiegen die Nachteile. Die Landwirtschaftsgebiete am Stadtrand brauchen den Regen unbedingt. Die Luft über der Agglomeration beginnt sich abzukühlen. Der Feinstaub wird runtergespült, die Luft wird frischer, die Gebäude sauberer. Zwei Monate nach dem Ende des Monsunregens beginnt Mitte Oktober die empfehlenswerteste Zeit für eine Städtereise. Bis mindestens Ende Januar bleiben Luftqualität und Klima eher angenehm. Für die Fortbewegung in der Stadt hat Kalkutta übrigens nicht nur Rikschas anzubieten. Die schnellste Verbindung ist die Metro. Sie ist sauber und zuverlässig, aber leider ist das Netz nur 17 km lang. Eine abenteuerliche Fahrt in einem der gelben Taxis hat auch was, so bekommt man hautnah das tägliche städtische Verkehrschaos und Hupkonzert mit. Dann gibt es noch die elektrische Straßenbahn, eine absolute Seltenheit in Indien.

Völkerwandung auf der Haora-Brücke und das Indische Museum

Howrah Bridge, Kalkutta
Die Howrah Bridge, Bild: Roop_Dey / shutterstock

Sehenswert und ein Kennzeichen Kalkuttas ist die nach einem bengalischen Dichter benannte Rabindra Setu, auch bekannt als Haora-Brücke oder Howrah Bridge. Sie gehört zu den größten Auslegerbrücken und gilt als die verkehrsreichste Flussüberquerung der Welt. Zwei Millionen Pendler wechseln auf dem metallenen Fachwerkbau täglich die Uferseite. Unter der Brücke fließt das bräunliche Wasser des mächtigen Hugli-Stromes, eines Mündungsarms des Ganges. Viele Stadtbewohner entnehmen dem heiligen Fluss Wasser zum Kochen, oder sie baden mit ihren Kleidern darin.

Beim Nelson Mandela Garten an der Sudder Street befindet sich das weitbekannte Indische Museum. Der sehr alte Hauskomplex ist mit Bogengängen um einen zentralen Hof angelegt und beherbergt ein beachtenswertes Sammelsurium an Exponaten aus der indischen Kultur. In den hohen Sälen, die von barfüßigen, halbschlummernden Einheimischen auf Plastikstühlen überwacht werden, stehen Skulpturen von Göttern und deren Inkarnationen. Überreste buddhistischer Stupas und viele Gemälde indischer Künstler sind ebenfalls zu bewundern. In eher fragwürdigem Zustand befinden sich mit Formaldehyd haltbar gemachte Fische, Fossilien und ausgestellte Missgeburten von Tieren wie z. B. eine junge Ziege mit acht Beinen.

Kalkutta – Auf den Spuren der heiligen Mutter Teresa

Die Medien haben Kalkutta im Westen oft dann erwähnt, wenn über die Arbeit der Ordensschwester Bojaxhiu berichtet wurde. Sie ist besser bekannt als Mutter Teresa und war eine aus Europa stammende Nonne. Für ihre selbstlose Unterstützung der Armen und Kranken bekam sie den Friedensnobelpreis. Mutter Teresa sprach fließend Bengali und hatte nach der indischen Unabhängigkeit die indische Staatsbürgerschaft angenommen. Die von ihr gegründete Gemeinschaft weiß-blau gekleideter Missionarinnen ist heute in über hundert Ländern aktiv. In Kalkutta kann im ruhigen Kloster „Mutterhaus der Missionarinnen der Nächstenliebe“ (nur barfuß) das Grab von Mutter Teresa und eine kleine Ausstellung zu Ihrem Wirken besucht werden.

Besonders in den abendlichen Stunden sieht der Reisende in vielen Teilen Kalkuttas noch heute Hunderte obdachloser und armer Menschen, die Problematik hat nichts von ihrer Brisanz eingebüßt. Die Einheimischen finden allerdings nicht, dass ihre Stadt besonders arm ist. In der Tat findet sich dieselbe Tragödie in vielen indischen Städten im gleichen Ausmaß.

Parks, Menschen mit sonnigem Gemüt und kulturelle Avantgarde

Die Fassaden der Stadt und der Geschäfte werden von den Bewohnern gerne mit Blumenschmuck aufgewertet. Viele Händler mit riesigen Körben voller Blumen auf dem Kopf balancieren durch die Gassen. Die Blumenpracht wird auch für Zeremonien und gesellschaftliche Anlässe angeliefert. Auch in den Parks gibt es Pflanzen und Natur zu sehen. Da ist der riesige Maidan Park, der auf eine Waldrodung durch britische Offiziere zurückgeht. In der Parkanlage wird nicht nur das allseits beliebte Cricket gespielt, sondern auch Fußball. Kalkutta könnte man tatsächlich als indische Hauptstadt des Fußballs bezeichnen.

Überall in Kalkutta begegnet man lebensfrohen und lachenden Menschen. Kalkutta beherbergt auch viele intellektuelle Vordenker und bekannte Künstler aus Filmen und Theaterstücken. Wer im Oktober zum richtigen Zeitpunkt die Stadt besucht, kommt in den Genuss des fünftägigen Festes Durga Puja. Mit viel Gesang, Tanz und Pomp wird die Göttin der Vollkommenheit verehrt. Dieser kulturelle Anlass bringt einen Teil des Verkehrs zum Erliegen. Das Fest ist eines von vielen außerordentlichen Eindrücken, die Kalkutta dem Gast für die Reise zurück in seine Heimat mitgeben kann.

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