Okzitanien – stolze und altehrwürdige französische Kulturregion

Okzitanien, Argeles

Ähnlich und analog zum in Deutschland bis heute geläufigen Weißwurstäquator“ ungefähr entlang der Mainlinie oder des 49. Breitengrads, existiert mit Okzitanien auch in Frankreich eine vor allem kulturell und sprachlich definierte Grenze zwischen Norden und Süden. Im Nachbarland ist es der 45. Breitengrad, der den historisch stark romanisch geprägten Süden („Le Midi“) samt der Regionen Provence-Alpes-Côte d’Azur, Occitanie und Nouvelle-Aquitaine sowie Auvergne-Rhône-Alpes vom eher traditionell keltisch beeinflussten Norden trennt.

Carcassonne Okzitanien
Carcassonne, Bild: Rolf E. Staerk / shutterstock

Speziell die im Jahr 2016 aus Languedoc-Roussillon sowie Midi-Pyrénées neu gebildete, knapp 73.000 km² großen Verwaltungsregion Okzitanien mit aktuell fast 5,7 Millionen Einwohnern in zurzeit 13 Départements kann als bedeutende Kulturlandschaft auf eine lange wie auch ereignisreiche Geschichte zurückblicken. Das heutige Okzitanien rund um die größten Städte Toulouse, Montpellier, Nîmes und Perpignan sowie Béziers, Montauban, Narbonne, Albi, Carcassonne und Sète ist dabei kleiner als die historische und durch die okzitanische Sprache definierte Region, zu der auch Limoges, Bordeaux, Marseille und Nizza gehören.

Die regionale Bevölkerung definiert sich heute wieder stärker kulturell

Einen eigenen Staat stellte Okzitanien zwar nie dar, Okzitanisch als galloromanische und eng mit dem Katalanischen verwandte Sprache war jedoch vom 8. bis 14. Jahrhundert im gesamten Süden Frankreichs stark verbreitet. Vor allem als Poesie- und Literatursprache wurde Okzitanisch viel genutzt.

Toulouse
Der Marktplatz in Toulouse, Bild: FredP / shutterstock

Erst der Albigenserkreuzzug von 1209 bis 1229 gegen die vom Vatikan als ketzerisch verunglimpfte Glaubensgemeinschaft der Katharer in der Region beendete diese Blütephase der Sprache. Heute zählt die vom französischen Staat teilweise anerkannte Minderheitensprache ungefähr zwei Millionen Muttersprachler. In den letzten Jahren hat das Regional- und Traditionsbewusstsein in Okzitanien wieder deutlich zugenommen.

Gut besuchte Demonstrationen für die vollständige Anerkennung als Amts- und Schulsprache sowie Veranstaltungen und Veröffentlichungen des „Institut d’Estudis Occitans“, der Partei „Partit Occitan“ in Toulouse und des Vereins „Per Noste“ (Für uns) in Orthez (Arrondissement Pau im Département Pyrénées-Atlantiques) stoßen auf großes Interesse. Häufig sind in der Region heute auch zweisprachige Orts- und Straßenschilder zu sehen, auf denen die okzitanischen Namen in der Regel in den traditionellen Farben golden und rot des okzitanischen Wappens dargestellt werden.

Das Mittelmeer ist in Okzitanien ein stets präsenter Wirtschaftsfaktor

Als sehr reizvolles, weil sowohl landschaftlich als auch kulturell vielseitiges und klimatisch nahezu ganzjährig zuverlässig warmes Reiseziel ist Okzitanien schon spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert international bekannt und beliebt. Besonders gut besucht werden dabei die altbewährten Badeorte an der Küste des Mittelmeers in den Départements Gard, Hérault, Aude und Pyrénées-Orientales wie zum Beispiel Frontignan, Sète, Agde, Saint-Laurent-de-la-Salanque, Canet-en-Rousillon sowie Saint-Cyprien und Argelès-sur-Mer.

Typisch für die okzitanische Küste sind auch die zahlreichen Étangs bzw. Lagunen, die sich zwischen Montpellier im Osten und Perpignan im Südwesten wie eine Perlenkette aneinander reihen. Der Étang de Charnier, Étang de Scamandre, Étang de L`Or, Étang de Vic, Étang de Thau, Étang de Bages, Étang de l`Ayrolle, Étang de la Palme und Étang de Leucate werden außer für Fischfang, Austernzucht und Salzgewinnung immer mehr auch für Bootstourismus und Wassersport wirtschaftlich genutzt. Ein empfehlenswertes Ziel für Ausflüge ist auch der gut 80.000 Hektar große Naturpark „Narbonnaise en Méditerranée“ im Département Aude, der zahlreichen Wasservogelarten als Lebensraum dient.

Natur und Kultur sind oftmals nur wenige Kilometer voneinander entfernt

Natur- und Wanderfreunden mit Lust auf fantastische Panoramen ebenfalls ans Herz gelegt seien die weiteren regionalen Naturparks Causses du Quercy (Département Lot), Grands Causses (Département Aveyron), Haut-Languedoc (Départements Hérault, Tarn) sowie Pyrénées Ariégeoises (Département Ariège) und Pyrénées Catalanes (Département Pyrénées-Orientales).

Montpellier
Place de la Comédie in Montpellier, Bild: Picturereflex / shutterstock

Nicht minder populär speziell unter kulturell interessierten Reisenden sind die größeren Städte in der Region, die jeweils über viele historisch bedeutsame und sehenswerte architektonische Attraktionen sowie Kunstschätze verfügen. In der okzitanischen Hauptstadt Toulouse werden vor allem die UNESCO-Welterbestätten des „Canal du Midi“ und der Basilika St-Sernin aus dem 12. Jahrhundert häufig besichtigt.

Montpellier ist für seinen beliebten Treffpunkt in der Altstadt, die „Place de la Comédie“ sowie das Kunstmuseum „Musée Fabre“ von 1828 und das beeindruckende Stadtviertel Antigone bekannt. Nîmes wartet mit einem gut erhaltenen antiken Amphitheater und weiteren Gebäuden aus der Römerzeit sowie dem im Sommer stets gut besuchten Park „Jardins de la Fontaine“ auf. Populäre Fotomotive in Perpignan sind der Palast der Könige von Mallorca aus dem 13. Jahrhundert und der Hausberg „Pic du Canigou“.

Okzitanien eignet sich bestens für ausgedehnte Ausflüge und Rundreisen

Béziers hält die Pracht- und Flaniermeile „Allée Paul-Riquet“ im Zentrum, die historischen Kirchen Saint Aphrodise, Saint-Jacques und de la Madeleine sowie die Schleusentreppe „Fonserannes“ am Canal Midi aus dem 18. Jahrhundert parat. Montauban liegt idyllisch am von alten Steinbrücken überquerten Fluss Tarn und verfügt über zahlreiche historische Backsteinbauten wie etwa rund um den mittelalterlichen Marktplatz „Place Nationale“.

In Narbonne können Überreste der römischen Handelsstraße „Via Domitia“ von Italien nach Spanien sowie die Kathedrale Saint-Just von 1272 und der „Canal de la Robine“ bewundert werden. In Albi sind das UNESCO-Welterbe des Bischofsviertels samt dem „Musée Toulouse-Lautrec d’Albi“ im „Palais de la Berbie“ sowie die Kathedrale Sainte-Cécile und die alte Brücke „Pont Vieux“ die berühmtesten Publikumsmagneten. Die Stadt Carcassonne liegt an den beiden Flüssen Aude und Fresquel sowie am Canal du Midi und wird wegen seiner als UNESCO-Welterbe geführten, imposanten Stadtfestung „Cité von Carcassonne“ gerne besucht. Sète verfügt über die beiden Museen „Paul Valery“ zur Stadtgeschichte und „Espace Georges Brassens“ zum Gedenken an den gleichnamigen Sänger und Dichter sowie den Mont Saint-Clair mit toller Sicht auf die Stadt und die benachbarte Lagune Étang de Thau.

Die facettenreiche Küche Okzitaniens hält für jeden Geschmack etwas bereit

Zur Stärkung bei so viel möglichen Spaziergängen durch die Städte und Orte Okzitaniens ist die delikate Küche der Region wie gemacht. Aus dem nahen Mittelmeer und dem Atlantik sowie den Flüssen der Gegend kommen täglich frischer Fisch und ebensolche Meeresfrüchte. Auf den saftigen Weiden in den Tälern des Binnenlandes grast Nutzvieh.

Im angenehm milden Klima gedeihen typische Zutaten wie Kräuter, Knoblauch, Tomaten, Oliven, Trauben, Paprika und Auberginen hervorragend. Die okzitanische Kulinarik zeigt sich je nach Gebiet stark von der katalanischen bzw. spanischen und italienischen Küche inspiriert und geprägt. Es handelt sich um eine regional stark differenzierte mediterrane Kochkunst mit einigen atlantischen Aspekten.

Häufig auf den Speisekarten der Gasthäuser zu finden sind etwa „Bouillabaisse“ (Fischsuppe), „Aioli“ (Knoblauchmayonnaise), „Pan golçat“ (Knoblauchbrot), „Cassoulet“ (Eintopf aus weißen Bohnen, Speck, Schweine- oder Lammfleisch und Würstchen), „Pâté aux pommes de terre“ (Kartoffelpastete), „Aligot“ (Creme aus Käse und Kartoffeln), „Freginat“ (Schlachteplatte vom Schwein), „Clafoutis“ (Auflaufkuchen mit Obst) sowie „Flaugnarde“ (Pfannkuchen mit Früchten) und „Garbure“ (Kohleintopf mit Fleisch).

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