»Jurassic Park light«: Abenteurer Thomas Bauer fährt Kajak in Indonesien – und sieht sich der größten Echse der Welt gegenüber.
Mein erster Waran ist größer als gedacht. Ein ausgewachsenes Männchen, zweieinhalb Meter lang und über 60 Kilogramm schwer. Kräftig, gedrungen und offenbar hungrig, denn er zieht die Beine in Bögen am faltenreichen Körper entlang, um vorwärtszukommen. Dabei schnellt seine gespaltene Zunge immer wieder aus dem Maul.
Eine Schlange auf vier Beinen: Der Vergleich drängt sich auf, denn wie manche Schlangenarten besitzt auch der Komodowaran Giftdrüsen. Wer gebissen wird, ob Tier oder Mensch, stirbt binnen Stunden oder Tagen. Die größte Echse der Welt frisst so ziemlich alles, von Aas bis zum 300 Kilogramm schweren Büffel, und gern auch die eigenen Artgenossen. Wenn es darauf ankommt, laufen die Reptilien nicht nur schneller als wir. Sie klettern auch vorzüglich, vor allem die Jungtiere, und schwimmen können sie auch.
Auf Komodo leben knapp 2000 Menschen und ebensoviele Warane

Das erklärt mir ein dauerlächelnder Ranger, ein halbes Kind noch, bewaffnet mit einem Witz von Stock. Vertrauen baut er damit bei mir nicht auf. Andererseits funktioniert das Zusammenleben hier seit Generationen. Häuser werden auf Stelzen gebaut; wer rausgeht, schaut sich vorher um. Für die Bewohner von Komodo sind die Warane ein Segen. Zuweilen reißen sie eine Ziege oder schnappen sich einen zum Trocknen aufgehängten Fisch. Dafür sorgen sie seit Einrichtung des Nationalparks im Jahr 1980 verlässlich für Touristen. Von Krokodilen abgesehen, kommt es nämlich nirgendwo sonst auf der Welt vor, dass ein Reptil an der Spitze der Nahrungskette steht. Komodo ist quasi »Jurassic Park light«.
Geht doch mal etwas schief, liegt das fast immer am Fehlverhalten einzelner Besucher. Zum Beispiel dem eines Fotografen aus Singapur, der noch auf dem Weg zur Ranger-Station einen Waran sah, ihm folgte und sich auf den Boden legte, um
ihn besser fotografieren zu können – ohne zu merken, dass sich ihm von hinten ein weiterer Waran näherte. Wer sich dagegen an ein paar einfache Spielregeln hält, kommt gut klar.
»Geh ruhig näher ran«, fordert der Ranger mich auf. Zögernd gehe ich hinter dem Reptil in die Hocke – bis die Echse den Kopf dreht, mich kalt mustert und faucht, dass sich mir die Haare aufstellen. Jetzt sei es doch besser, wenn ich mich kontrolliert und würdevoll zurückzöge, bedeutet mir der Ranger, und ich komme seinem Vorschlag gern nach.
An Bord der »Rafida«

Gemeinsam mit sechs abenteuerhungrigen Franzosen und der Crew bin ich an Bord der »Rafida« hierhergekommen, einem zweistöckigen Schiff mit vier Kabinen. Im Gepäck ein Dutzend Kajaks, mit denen wir die Gewässer rund um die Inseln Komodo, Flores, Rinca und Padar erkunden.
Selten bin ich mit spannenderen Leuten gereist! Da ist zum Beispiel Christophe, der täglich Gitarre spielt und »der französische Keith Richards« werden will. Er und Serge, der ebenfalls an Bord ist, waren 25 Jahre lang Konkurrenten, beiden verkauften Schokolade an Edelrestaurants. Dabei sind sie immer fair miteinander umgegangen und haben irgendwann damit begonnen, gemeinsam zu reisen. Oder Solange, die an unheilbarem Krebs erkrankt ist und sich eine letzte Abenteuertour gönnt. Philippe, der als Arzt um die Erde gereist ist und mitsamt seiner Familie einen Monat bei einem von der Zivilisation kaum berührten Indianerstamm verbracht hat. Und Julien, der Kajaktouren auf der ganzen Welt anbietet. Es kann passieren, dass man mit Julien durch einen Dschungel läuft, und plötzlich grüßt ihn ein Einheimischer, der vor Jahren mit ihm unterwegs gewesen ist. Dasselbe kann auch in der Straße von Hormus oder in der Antarktis geschehen. Alles in allem passe ich, reise- und bewegungssüchtig, wohl ganz gut zu dieser Gruppe von Herumtreibern und Lebenskünstlern.
Wir gleiten über die Wunder der Erde hinweg
Kajakfahren rund um Komodo bedeutet intensives Erleben: Unter dem glasklaren Wasser zeichnen sich Korallen ab, in allen Formen und Farben. Ich sehe Hummer, Seesterne, Fischschwärme und immer mal wieder eine Meeresschildkröte, die träge und unbeeindruckt um uns herumschwimmt. Alles ist variantenreicher als an Land. Als schaue man der Erde in die Augen. Beim Schnorcheln tanzt Licht um mich herum, durchflutet mich mit Endorphinen. Wer diesen Lichttanz erlebt hat, der will wiederkommen.
Zum Glück hält Julien uns auf Kurs: Er kennt diese Gegend und weiß, wo die Gefahren lauern. Offene Flächen können tückisch sein, da sie dem Wind eine Angriffsfläche bieten; er baut dann Wellen auf und zerrt am Paddel. An Engstellen nimmt die Strömung gern zu, manchmal pressen sich zeitgleich mit uns Schiffe hindurch. All das bleibt jedoch überschaubar. Nicht einmal Stechmücken stellen eine Gefahr dar, denn auf dem Wasser gibt es kaum welche. Die einzige wirkliche Herausforderung ist die Sonne, die ungewohnt kraftvoll scheint. Die Wasseroberfläche spiegelt ihr Licht. Ich tue gut daran, offene Hautpartien immer wieder neu einzucremen.
Die Abenteuer-Trilogie1.000 Seiten pure Reiselust! Die Trilogie „Abenteuer Europa“, „Abenteuer Asien“ und „Abenteuer Amerika“ des MANA-Verlags umfasst die spektakulärsten Reisen des Weltenbummlers und „Geschichtenjägers“ Thomas Bauer, der seit 30 Jahren die Welt erforscht. Schier unglaubliche Erlebnisse sind dabei, lebensprägende Begegnungen, irrwitzige Missverständnisse und Aha-Momente. Ob er nun einen der letzten Schneeleoparden in einer Bergfalte des Himalaya beobachtet, an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze eine Anakonda in den Händen hält oder im neuseeländischen Abel-Tasman-Nationalpark über Rochen hinwegschwimmt, ob er Ratte an einem Straßenrand in Laos isst oder rohes Robbenherz in Grönland, und selbst als er in Bolivien dreimal fast entführt wird, in den argentinischen Anden höhenkrank wird und man ihn im bulgarischen Vidin beim Einchecken fragt, ob er sein Hotelzimmer mit oder ohne Frau wolle – immer durchzieht Thomas Bauers Reisen eine Neugier, eine Offenheit und ein Vertrauen darauf, dass am Ende schon alles gut gehen werde. „Erst wenn man selbst nachsieht, merkt man, wie vielseitig die Erde ist. Ich bin immer wieder losgezogen und in einer Welt voller Rätsel und Wunder gelandet“, sagt Thomas Bauer dazu. Was für ein Leben!
Mehr Informationen zu den Büchern von Thomas Bauer finden Sie unter https://neugier-auf-die-welt.de/
Ein Staat mit 17.000 Inseln und einem klaren Plan für die Zukunft
Wie hält man ein Land mit 17.000 Inseln und knapp 300 Millionen Einwohnern zusammen? Im Fall von Indonesien mit einer möglichst einfachen gemeinsamen Sprache, bei der die Grundform jedes Verbs immer gleich bleibt. Bei der es keine Pluralform gibt und man ein Wort stattdessen einfach wiederholt (»Orang« = Mensch, »Orang Orang« = Menschen). Und mit einem Versprechen: Ökonomen gehen davon aus, dass Indonesien, wenn es die Weichen richtig stellt, zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2045 zu den fünf erfolgreichsten Ländern der Erde gehören wird. Es verfügt über Nickel, Zinn und die größte Goldmine der Welt. Die Hälfte seiner Bevölkerung ist unter 30, das Wirtschaftswachstum seit Jahren stabil bei knapp fünf Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit der Jahrtausendwende versiebenfacht. Man investiert kräftig in die Infrastruktur, baut im Wald von Borneo die neue Hauptstadt Nusantara. Wie fast alle asiatischen
Länder verfügt Indonesien über das, was in Deutschland so schmerzhaft fehlt: einen Plan, wo man in 10, in 20, in 30 Jahren sein will.
Bis dahin ist Indonesien für uns in erster Linie ein angenehmes Reiseland: Der Service spielt sich in Dimensionen ab, die zuhause unbekannt sind. Unser Schiffsjunge Gordi lächelt an einem Tag öfter als ein Berliner Busfahrer in seinem ganzen Leben.
Hier, zwischen dem Indischen Ozean und dem Pazifik, tauchen wir ein ins Korallendreieck, in dem drei Viertel aller Korallen- und über 3000 Fischarten beheimatet sind. In den vor mir liegenden Tagen sollte ich noch Delfine sehen, Riffhaie und Seekühe, die seltenen Dugongs. Und auf Tuchfühlung gehen mit den »Drachen von Komodo«, natürlich! Also ziehe ich das Paddel kraftvoll durchs Wasser und schiebe mich voran, den Wundern der Erde entgegen.
Info-Box
Anreise: z.B. mit Etihad über Abu Dhabi und Jakarta. Ausgangspunkt für Erkundungen rund um Komodo ist Labuan Bajo auf der Insel Flores. An- und Abreise können langwierig sein.
Beste Reisezeit: Mai/Juni und September/Oktober, dann ist Trockenzeit, aber keine Hauptsaison (Juli/August)
Organisation: KOMODO KAYAKING in Labuan Bajo mit ausgebildeten Tourguides: komodokayaking.com. VOYAGE KAYAK in Briançon von Julien Burellier mit Top-Ausrüstung (insb. Paddel), Julien ist zertifizierter Kajak-Guide mit 25 Jahren Erfahrung und spricht fließend Französisch und Englisch: voyage-kayak.com. Zehntägige Paddeltour mit Übernachtung und Verpflegung auf dem Schiff ca. 4000 Euro. Schwierigkeit: moderat (zur Not lässt man eine Tour aus und bleibt an Bord).
Warum das Ganze: Kajakfahren und Schnorcheln im Naturparadies rund um Komodo ist ein intensives Erlebnis. Die Bewohner sind freundlich und zuvorkommend, man wird vor Ort wie ein König behandelt. Die meisten Dinge kosten im Vergleich zu Deutschland nur einen Bruchteil.
Indonesien: Der größte Inselstaat der Welt ist vergleichsweise jung, erst 1945 erstritt man die Unabhängigkeit. Dreieinhalb Jahrhunderte lang war Indonesien eine niederländische Kolonie. Heute leben hier mehr Muslime als in jedem anderen Land der Erde.
Komodowaran: Die größte Echse der Welt wird bis zu drei Meter lang, bis zu 70 Kilogramm schwer und bis zu 30 Jahre alt. Auf kurze Distanz können Komodowarane 18 Stundenkilometer erreichen. Ihr Gift bewirkt Bewusstlosigkeit und hemmt die Blutgerinnung. Jungtiere leben meist auf Bäumen, wo sie vor den erwachsenen Waranen geschützt sind. Ausgewachsene Exemplare leben auf dem Boden. Man schätzt den Gesamtbestand auf knapp 4000 Tiere. Da der Komodowaran ausschließlich auf fünf Inseln rund um Komodo vorkommt, gilt sein Bestand als gefährdet. Auf allen fünf Inseln wird er daher streng geschützt.
Literaturempfehlung: »Der Atem der Welt« von Carol Birch ist ein spannender Roman, in dem es um eine Schiffsreise zu den »Drachen« von Komodo geht. Abenteurer Thomas Bauer hat 18 Bücher über seinen Touren veröffentlicht. 2026 erschien die Trilogie »Abenteuer EUROPA«, »Abenteuer AMERIKA« und »Abenteuer ASIEN« im MANA-Verlag.


